Büro Destruct: Grafik-Atelier im geordnetem Chaos
Donnerstag, 04. Oktober 2007, 14:54

Leider mussten wir uns in den letzten beiden Ausgaben des WEB DESIGNERS CALENDAR hin und wieder im Textumfang limitieren, was insbesondere zu redaktionellen Kürzungen der Interviews führte. Hier haben wir nun die Möglichkeit, euch die Gepräche in voller Länge zu präsentieren. Den Anfang macht mein Gespräch mit Lorenz Gianfreda (Lopetz) vom Büro Destruct.Buro Destruct
Das Büro Destruct gibt es seit 1992 und man braucht euch eigentlich nicht mehr vorstellen. Wir sind höflich und tun es trotzdem…

Nun, uns gibt ja bereits schon so lange, dass wir selber nicht mehr ganz genau wissen, seit wann, wie und warum es uns überhaupt gibt. So kann es sein, dass wir uns in jedem Interview ein bisschen anders vorstellen und die Fehlerquelle zunehmend grösser wird. Natürlich wäre es für uns selbst auch etwas interessanter, wenn wir unsere Geschichte jeweils neu erfinden könnten. Am verlässlichsten ist aber unsere spärliche, dafür mehrsprachige Info auf der BD-Website.

Schließen sich „Büro“ und „Destruct“ nicht in gewisser Weise aus?
Dieser Gegensatz ist seit jeher unser Programm. “Büro” steht für Ordnung und Präzision. “Destruct” dagegen steht für das Ausbrechen und die Ordnung über den Haufen zu werfen. Unser Name entspricht auch gut unserem wirklichen, alltäglichen Umfeld - ein Grafik-Atelier mit geordnetem Chaos.

Ihr seid so etwas wie das Aushängeschild der Schweizer Gestalter. Wie geht es der Szene in der Schweiz? Gebt uns bitte einen kurzen Einblick in das kreative Potenzial hinter den Alpen.
Man kann sagen, dass es den Schweizern gut geht. Die Kühlschranke sind voll mit Käse, Milch, Butter, Obst und Gemüse. Das Land ist schön eingebetet in Bergen und Seen. Trotzdem oder gerade deswegen müssen sich die kreativen Schweizer immer wieder beweisen und grosse Sprünge machen, um im eigenen land wahrgenommen bzw. anerkannt zu werden. Das mag ein Antrieb sein, und meist wird das Schweizer-Schaffen zuerst im Ausland erkannt. Hier in der Schweiz fühlt man nicht viel vom Schweizer-Graphik-Hype. Jeder bastelt fleissig seine Welt zusammen und spuckt sie per Web in die grosse weite Welt.

Zu Beginn eures Schaffens habt ihr insbesondere junge Künstler gefördert und unterstützt - ist das heute auch noch Teil eurer Philosophie?
Wir pflegen gute Freundschaften mit anderen Schweizer Graphikern/ Künstlern und unterstützen sie zurzeit vor allem durch unsere Aktivitäten/Ausstellungen im Büro Discount, unserer Galerie in Zürich. Ein weiterer Aspekt des Unterstützens von jungen Künstlern ist, dass wir auch immer wieder Aufträge für Newcomerbands und Labels, Startup- Companies etc. zu einem BD-niedertarif kreieren. Es gibt offenbar viele Leute die denken, das Büro Destruct brauchen wir gar nicht erst anzufragen, die sind eh viel zu teuer und zu busy…Buro Destruct
Im Laufe der Jahre habt ihr immer interessante Projekten an den Start gebracht. Insbesondere „Loslogos“ sorgte für große Aufmerksamkeit. Hat das Projekt mit der zweiten Buchveröffentlichung seinen Abschluss gefunden oder wie geht es weiter?

Das Projekt Loslogos besteht im Grunde genommen aus drei unabhängigen, aber sich gut ergänzenden Produkten: in erster Linie die Loslogos, Doslogos, Treslogos…, Buchreihe des „Gestalten Verlages ” welcher wir den Initial-Namen und dessen Logo gegeben haben. Zweitens ist loslogos.org eine web-basierte Plattform, die zur Aufgabe hat, verschwindende Logos aus Städten der ganzen Welt zu konservieren. Drittens ist Loslogos auch unser Spitzname, wenn das BD mit seinem Visual-Equipment als VJ’s auf Partys und anderen Events unterwegs ist.Buro Destruct
Eure Grafikarbeiten reichen von Corporate Identities und Logos über Anzeigen, Bücher, Plattenhüllen und CD Covers bis hin zu Poster, Flyer und vielem mehr. Seit 1995 zählt die Schriftenentwicklung zu euren Spezialitäten – gibt es so etwas wie eine bevorzugte Baustelle? Was macht für euch den Reiz einer Arbeit aus?

Der Reiz einer Arbeit besteht gerade darin, verschiedene Baustellen zu besuchen und sie miteinander zu verbinden. Viele unserer Erzeugnisse entstehen aus offenen Baustellen, die zum richtigen Zeitpunkt, richtig kombiniert und fertiggestellt werden. Zum Beispiel unsere Fonts sind Produkte, die oft lange vor sich herbrüten, manchmal nachträglich aus einem Flyer, Cd-Cover oder einem Poster entstehen, oder umgekehrt.

Bei den fantasievollen und präzisen Formen eurer Arbeiten lässt sich eine gewisse Affinität zu asiatischer Gestaltung erkennen. Woher kommt die und woher bezieht ihr grundsätzlich eure Inspiration?
Japan ist seit langem eine grosse Inspirationsquelle. Dort wird vielmehr bildhaft gelesen und spielerischer mit Formen umgegangen. Dies ist etwas, was wir von den Betrachtern all unserer Arbeiten auch immer wieder abverlangen wollen. Inspirationen ziehen wir in der Regel aus Reisen, Alltags-Gegenständen, Verpackungen, Musik etc.

Gibt es so etwas wie ein Lieblings-Logo, einen Lieblings-Font? Muss ja kein eigener sein… Was machen für euch einen unverkennbaren Font und ein besonderes Logo aus und wie geht ihr damit um, dass immer mehr Freefonts angeboten werden?
Wenn ich die frage Lieblings-Logo höre, denke ich sofort zuerst an die Farbkombination Weiß auf Rot. Das mag von CocaCola herkommen, dem wohl weltweit meist verbreiteten Brand. Weiß auf Rot war auch die Grundidee für das Loslogos-Logo. Eine Art “Ur-Über-Logo” zu kreieren. Fonts sind unterdessen mit Wegwerfartikeln zu vergleichen. Viele sind zeitlich limitiert und kommen in keiner Weise mehr an die Klassiker wie Helvetica oder Futura heran. Vielleicht ist es auch nicht mehr möglich, diese überhaupt zu toppen oder zu ergänzen. Auf alle Fälle versuchen wir das hier im BD nicht. Wir konzentrieren uns darauf neue Formensprachen für Schriften zu erfinden, die im grossen Meer der Fonts/Freefonts noch nicht aufgetaucht sind. Das wird zunehmend schwieriger, doch gibt es glücklicherweise immer wieder eine Tür, die noch offen steht.Buro Destruct
Seht ihr aktuelle typografische Trends? Was erwartet uns diesbezüglich in nächster Zeit? Allgemein und vom „Büro Destruct“ konkret.

Schreibschriften tauchen zusammen mit dem Illustrations-Boom vermehrt auf. Nüchterne Typografie ebenfalls. Im Moment mögen wir ältere Jugendstil und Art-Decco Fonts. Ein BD-Beitrag dazu ist die “BD Varicolor” oder die “BD Pipe”.

Vielen Dank für das Gespräch!

geschrieben in Grafik & Illustration, Interviews, WDC 07 von Frank
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