Thomas Gronle: Mit mehr als zwei Bildern eine Geschichte erzählen
Donnerstag, 27. Dezember 2007, 13:49

Genau wie ich ist Thomas Gronle Berliner und hat auch noch sein Büro in unmittelbarer Nachbarschaft zu meiner Wohnung. Da läuft man sich schon mal regelmäßig über den Weg. Für die 2007er Ausgabe des WDC habe ich mir den prämierten Comiczeichner geschnappt und interviewt und hier könnt ihr jetzt die ungekürzte Fassung lesen.

Grafiken, Bilderfolgen mit oder ohne Text, Illustrationen oder Collagen – Comic ist ein weiter Begriff. Wie fasst du ihn für dich zusammen?

Mit mehr als zwei Bildern, die in zeitlicher Abfolge angeordnet sind, eine Geschichte erzählen.
Thomas Gronle
Gemeinsam mit Titus Ackermann und Jonas Greulich gibst du MOGA MOBO heraus. Welcher Grundgedanke steckt hinter dem Konzept, eine so anspruchsvolle Comiczeitschrift kostenlos unters Volk zu bringen?

Wir wollen Comics für alle machen! … auch für Leute, die sich erstmal gar nicht für Comix interessieren. Wir legen unsere Comix in Kneipen, Läden, Clubs aus, also an Orten, wo sie zufällig entdeckt und mitgenommen werden. Zuhause stellen viele Leser dann fest, dass Comix auch Erwachsenen Spaß machen können und mit unter sogar anspruchsvolle Themen behandeln. Es ist also ein eher missionarischer Ansatz.

Hinzu kommt, dass wir uns als Gratismagazin nicht nach dem Markt oder Verkaufszahlen richten müssen. Wir können inhaltlich und künstlerisch experimentieren und veröffentlichen, wen oder was wir wollen. Das ganze in einer für den deutschen Comicmarkt enorm hohen Auflage von 20.000 Exemplaren. Wir haben also nicht nur eine bunt gemischte Leserschaft sonder erreichen auch noch wesentlich mehr Leute als wir es durch Verkauf tun würden.

Dieses Konzept haben wir inzwischen auch schon mehrfach für große Kunden wie der Deutsche Bahn AG oder den Bundestag eingesetzt. Wir haben für sie ihr “customized” Comicbuch zu einem bestimmten Thema entwickelt und produziert, welches dann in 100.000er Auflage bundesweit verschenkt wurde. - Comix für alle!
Thomas Gronle
Für große Aufmerksamkeit sorgt eure Kooperation mit den Japanischen Comic-Zeichnern von NouNouHau aus Tokio. Wir kam es zu diesem spannenden Projekt zweier so unterschiedlicher Comic-Kulturen?

Als wir 2002 eine MOGA MOBO Ausgabe über Japanischen Undergroundzeichner machen wollten, sind wir bei der Recherche im Netz auf NNH gestoßen. NNH veröffentlichte zu dieser Zeit auch ein selbstverlegtes Comicmagazin in Tokio, wir haben sie besucht und uns auf anhieb super verstanden. Wir alle haben eine starken Leidenschaft für Popkultur, von Comix über Toys bis Musik und Kino … das scheint kulturübergreifend zu sein und liefert uns viel Gesprächs- und Diskussionsstoff. Zwischendurch entdeckt man natürlich auch, dass wir sehr unterschiedlich sind, aber dieser Austausch ist sehr inspirierend und treibt uns immer wieder an, gemeinsame Projekte wie Comicbücher, Ausstellungen etc. zu machen.
Thomas Gronle
Comics bringt man nicht automatisch mit Internet, Flash und Webdesign in Verbindung. Wo siehst du die Berührungspunkte und Synergien?

Der große Vorteil des Internets ist, dass man nicht mehr an ein festes Seitenformat gebunden ist. Mann kann endlos große Bilder zeichnen, die man im Fenster seitlich oder von oben nach unten scrollt. Das Vorbeiziehen des Bildes, ergibt zudem einen Bewegungseffekt, den man narrativ sehr gut nützen kann. Hinzu kommt, dass man in der Geschichte Standbilder und Animationen mischen kann, sogar interaktive Momente bis hin zu Spielsequenzen sind möglich … je nachdem, was sich für die Erzählung der jeweilige Szene am besten eignet. Durch die Interaktion und die Spielelemente hat der Leser das Gefühl in die Geschichte eingreifen zu können - Diesen Medien-Mix finde ich sehr spannend.

Im Prinzip sind natürlich auch Non-lineare Erzählungen im Internet möglich, aber da hab ich noch keine wirklich gute Lösung gefunden und auch keine Guten Beispiele im Netzt entdeckt. Meistens verläuft man sich in diesen Geschichten oder es fehlt der Spannungsbogen. Aber das wäre auf jeden Fall das nächste Level für Comix, wie man sie eben nur im Netz erzählen kann.
Thomas Gronle
Welche gestalterischen Einflüsse inspirieren dich aktuell am stärksten? Bei welchen Kollegen schaust du regelmäßig ins Portfolio und welche Webseiten begeistern dich?

Berlin, Streetart, Unterschichten TV, Internet, von Stilblüten bis hin zu guten Animationen und Webcomix. Die Lebenseinstellung und alternativen Lebenskonzepte der Leute, die mit Leidenschaft ihr Ding verfolgen, ohne an das fette Geld zu denken. Natürlich schaue ich ständig bei Titus (www.titusillu.com) und Jonas (www.jonasgreulich.com) von MOGA MOBO und den anderen Illustratoren bei uns im Atelier vorbei: Herbert Druschke und Farid Rivas Michel (www.supay.de). Weitere Kollegen, die ich sehr schätze: www.brauntown.com, www.esjottes.com, www.die-artillerie.de.

geschrieben in WDC 07 von Frank

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